Soziologie: Sozialer Wandel

„Sozialer Wandel“, so schreibt Wolfgang Zapf, „ist die Veränderung sozialer Strukturen; unter sozialen Strukturen versteht man die (relativ) stabilen Regelmäßigkeiten des sozialen Lebens, z.B. Rollenverhalten, Organisationsmuster und soziale Schichtung“ (Zapf 1986: 365).

Der Definition von Zapf haftet eine gewisse Ambiguität an, insofern sich etwas verändern soll, was als „relativ stabil“ gilt, anders formuliert, die behauptete Stabilität bezieht sich zumeist auf einen zeitlich eng umrissenen Zeitraum bzw. Stabilität ist eine flüchtige Eigenschaft: Was heute stabil ist, kann morgen schon beseitigt sein: „Selbst die kompaktesten sozialen Gebilde und Strukturen aber ändern sich, manchmal freilich erst nach langen Zeiträumen oder nur unmerklich und allmählich. Gelegentlich tun sie das aber auch rasch, mit einem großen Knall und unter Umwälzungen von allem bisher Dagewesenen“ (Esser 2000: 307).

Somit kann festgestellt werden, dass der soziale Wandel die soziale Ordnung benötigt, denn es ist die soziale Ordnung, die sich zu zwei aufeinander folgenden Zeitpunkten unterscheidet, so dass von einem sozialen Wandel gesprochen werden kann. Allerdings setzt diese Beschreibung voraus, dass die soziale Ordnung vor dem sozialen Wandel vorhanden ist. In der Tat scheint Hartmut Esser davon auszugehen, dass die soziale Ordnung dem sozialen Wandel vorausgeht (Esser 2000: 339-375).

Karl Marx hat eine andere Sicht des Verhältnisses zwischen sozialer Ordnung und sozialem Wandel beschrieben. Für ihn ist der Antagonismus zwischen Klassen, die Triebfeder der sozialen Entwicklung und des sozialen Wandels und die soziale Ordnung etabliert sich nur in den Übergangsphasen zwischen den Klassenkämpfen (Dahrendorf 1974: 280-285). Dies konstituiert die erste Konfliktlinie zwischen den unterschiedlichen Ansätzen zur Erklärung von sozialem Wandel.

Auguste Comte wollte mit der Soziologie eine Wissenschaft etablieren, die im Bereich des „Sozialen“ in der selben Weise erfolgreich nach Naturgesetzen sucht, wie dies im Bereich der Naturwissenschaften seiner Zeit – vor allem in der Biologie – der Fall war: „Comte felt that human evolution in the 19th century had reached the ‚positive stage’ in which empirical knowledge could be used to understand the social world and to create a better society. Comte thus became an advocate of the application of scientific method to the study of society … Seeing the affinity between sociology and biology as residing in their common concern with organic bodies, Comte divided Sociology into social ‚statics’ or morphology and ‚dynamics’ or social growth and process“ (Turner 1986: 35).

Entsprechend hat Comte versucht, die Gesetze, die hinter sozialem Handeln liegen, herauszuarbeiten und ist dabei auf eine Gesetzmäßigkeit der Veränderung von Gesellschaften gestoßen – die erste Gesetzmäßigkeit des sozialen Wandels, und zugleich hat Comte die erste evolutionäre Sozialtheorie vorgelegt: „The theory proposes that there are three intellectual stages through which the world has gone throughout its history. According to Comte not only does the world go through this process, but groups, societies, sciences, individuals, and even minds go through the same three stages“ (Ritzer 1996: 14). Die drei aufeinanderfolgenden Phasen sind die theologische Phase, in der das menschliche Denken durch den Glauben an übernatürliche Mächte geprägt wird, die metaphysische Phase, in der das menschliche Denken durch den Glauben an abstrakte Kräfte determiniert war und die positive Phase, in der das wissenschaftliche Denken herrscht. Comte ginge – würde er noch leben – davon aus, dass sich die westlichen Gesellschaften im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen in der positiven Phase befinden.

Doch die Theorie von Comte gilt als überholt. Die Suche nach den Gesetzmäßigkeiten des sozialen Lebens wurde zwar von Soziologen nicht eingestellt, wohl aber der Versuch, historische Gesetze, die Entwicklungen von Gesellschaften determinieren, zu suchen bzw. ihre Entdeckung zu propagieren: „Warum in der Soziologie solche Vorstellungen nur noch selten ernsthaft vertreten werden und warum man vor allem nach gesellschaftlichen Entwicklungsgesetzen schon lange nicht mehr sucht, soll in dem nun folgenden Kapitel deutlich werden. Im Grunde können wir die Antwort jetzt schon geben: Solche übergreifenden Entwicklungsgesetze des Wandels ganzer Gesellschaften „an sich“ könnten ja eigentlich nur makrosoziologischer Art sein. Die aber leiden … unvermeidlicherweise an dem Problem der Unvollständigkeit, ganz zu schweigen von dem der ‚Sinnlosigkeit’, wonach ein Wandel, der auf gewissen übergreifenden ‚Gesetzen’ beruhen soll, die mit dem Denken, Fühlen und Handeln der Menschen nichts zu tun haben, immer unverständlich bleiben muss“ (Esser 2000: 309).

Damit gibt Esser zwar keinen Grund geschweige denn ein Argument dafür an, warum Entwicklungsgesetze „sinnlos“ sind, in seiner Einschätzung findet er sich aber in guter Gesellschaft wieder, z.B. in der von Anthony Giddens: „Es lässt sich für die Erklärung sozialen Wandels kein einziger und überlegener Mechanismus festmachen: Es gibt keinen Schlüssel, der uns damit den Zugang zu den Geheimnissen der menschlichen sozialen Entwicklung eröffnen könnte, dass er diese auf ein einheitliches Schema reduziert oder der in einer solchen Perspektive die wichtigsten Übergänge zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen zu erklären vermöchte“ (Giddens 1997: 300). Allerdings ziehen weder Esser noch Giddens aus ihrer Aussage den Schluss, dass es nicht möglich ist, „generalisierte Aussagen“ über den sozialen Wandel zu machen. Allerdings sind die generalisierten Aussagen, die zum Beispiel Harmut Esser über sozialen Wandel machen würde, andere, als diejenigen, die Karl Marx gemacht hat. Dies beschreibt die zweite Konfliktlinie.

Die dritte Konfliktlinie ergibt sich, wenn man die Triebkräfte sozialen Wandels, das, was letztlich die Stabilität sozialer Strukturen überwindet, untersucht. Hier stellt sich die Frage, ob die Triebfedern des sozialen Wandels in über-individuellen Gesetzmäßigkeiten zu suchen sind oder ob sich sozialer Wandel – wie auch immer – als Gesamt der Handlungen von Individuen beschreiben lässt. Je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, ergibt sich eine andere Theorie, mit der sozialer Wandel erklärt werden soll: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist … kann sie naturgemäß Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern’. Diese brillante Formulierung des historizistischen Standpunkts verdanken wir Karl Marx. Der Historizismus lehrt zwar weder Tatenlosigkeit noch eigentlichen Fatalismus, wohl aber die Sinnlosigkeit jedes Versuches, bevorstehende Veränderungen abzuwenden“ (Popper 1987: 41).

Das stellt die Rolle, die Individuen im sozialen Wandel aus der Sicht derjenigen, die der Meinung sind, sozialer Wandel folge bestimmten Gesetzen, dar: Individuen sind adaptiv, sie müssen sich an das, was sich verändert ohne dabei ihrem Einfluss zugänglich zu sein, anpassen. Dem steht eine Sichtweise gegenüber, die es für notwendig erachtet, die Handlungen von Individuen bei der Erklärung sozialen Wandels mit zu berücksichtigen bzw. die die Handlungen von Individuen als ursächlich für den sozialen Wandel ansieht: „Whether we study constancy or change, we must always ask how they result from human motivations, even when the actual outcomes deviate from the intended. Change in or of process structure and output structure can come about intentionally or as unintended consequences of purposive action, by aggregation of individual decisions or by collective decisions, by cumulation of benefits or by cumulation of costs“ (Hernes 1976: 544).

Dahrendorf, Ralf, 1974: Pfade aus Utopia. Zur Theorie und Methode der Soziologie. München: Piper.

Esser, Hartmut, 2000: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt: Campus.

Giddens, Anthony, 1997: Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt: Campus.

Hernes, Gudmund, 1976: Structural Change and Social Processes. American Journal of Sociology 82 (3): 513-547.

Popper, Karl Raimund, 1987: Das Elend des Historizismus. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Ritzer, George, 1996: Sociological Theory. New York: McGraw-Hill.

Turner, Jonathan H., 1986: The Structure of Sociological Theory. Belmont: Wadsworth.

Zapf, Wolfgang, 1986: Sozialer Wandel. S. 365-370 in: Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske und Budrich.